Ich bevorzuge
“Ich bevorzuge Bleistiftspitzer, weil stumpfe Bleistifte Unklarheit erzeugen und Charakter vermissen lassen.
Ich bevorzuge Tanzen vor dem Nichttanzen, weil ich nicht tanzen nicht ertragen könnte, es würde ein Leben in Einfalt bedeuten. Und ich bevorzuge flache Tanzschuhe.
Ich bevorzuge breite Balken am Wegesrand, auf denen ich balancieren und zum Abschluss einen Freudensprung zurück auf die Erde machen kann.
Ich bevorzuge Vertrauen vor Verträgen. Außer manchmal, da helfen Verträge dann doch, wenn wirklich alles im Lot sein soll.
Ich bevorzuge 80-prozentige Bitterschokolade vor einem Schokokuss-Monster, weil ein solches mir wie ein Zucker-Tsunami die Kehle überflutet – und dann auch noch den Magen verklebt.
Ich bevorzuge große Hunde an der Hundeleine, bei kleineren bin ich toleranter. Am schlimmsten sind die, die den Satz “der will doch nur spielen” ihrer mit 30 km/h auf mich zurennenden Bulldogge hinterherrufen. Ein Tusch auf gut erzogene Hundebesitzer.
Ich bevorzuge Menschen, die das Wort Ehre nicht inflationär benutzen, denn Ehre ist selten und sollte sparsam benannt werden.
Ich bevorzuge Bohnenkaffee, wenn er aus der Kaffeedose duftet, nicht, wenn er gemahlen heruntergefallen ist und meinen ganzen Küchenboden einsaut.
Ich bevorzuge echte Kerzen mit Rauch und Hitze und Flammen, die keine Vorgaben haben, wie sie geformt sein sollen. Wie bitter muss es sein, ein Leben als Pseudo-LED-Kerze zu fristen? (Das wäre mal eine tolle Frage / Idee für einen eigenen Text)
Ich bevorzuge eine zumindest angestrebte Gerechtigkeit in der Gesellschaft, denn absolute Gerechtigkeit halte ich für unrealistisch. Außer alles wäre gleich und alle wären gleich. Das würde ich dann nicht bevorzugen. Dann nähme ich lieber meinen Teddybär und ginge kuscheln.
Ich bevorzuge, wenn jemand auf meine Frage nach dem persönlichen Wohlergehen mit “Läuft gut” antwortet, statt mir eine Litanei an kleinen und großen Alltagsunzulänglichkeiten aufzutischen. Ich weiß, dass das egoistisch ist. Manchmal bin ich halt so.
Ich bevorzuge die Müslischalen sauber im Schrank, dreckig in der Spülmaschine oder gefüllt auf dem Tisch. Vier Tage verwaiste, leergegessene Müslischalen in den Zimmern meiner Söhne bevorzuge ich ausdrücklich nicht. Meinen Söhnen ist das egal.
Ich bevorzuge Creme Brulée vor Vanillepudding, Fürst-Pückler-Eis, Panna Cotta oder Birne Helene. Eine gut gemachte Creme Brulée mit einem zart-knackigen Zuckerdach ist für mich ein echter Lichtblick auf jeder Speisekarte.”
Zauberhafte Schreibübung:
Einige Begriffe und die Satzform vorgeben – muss immer mit “ich bevorzuge” beginnen – und schon geht es los!