Anprobe der Zukunft

Die Tür zur Umkleidekabine sah überhaupt nicht aus wie eine Tür zu einer Umkleidekabine. Eher wie eine Tür zu einem Heizungskeller. Schwer, aus grauem Metall, oben ein gelbes Warnschild: Betreten auf eigene Gefahr. “Oha” dachte sie, das fühlt sich ja direkt nach Abenteuer an. Dann quietschte auch noch das Scharnier, so wie in jedem mittelprächtigen Gruselfilm.

Zu ihrem Erstaunen war hinter der Tür keine kleine Kammer, kein Kabäuschen mit einem angeranzten Spiegel, sondern eine ganz neue Umgebung. Sie sah sich neugierig um. Sie fand sich wieder in einem gigantisch großen Saal, das musste ein Theater oder eine Oper sein. Goldene Lüster, rot samtene Stühle, und da vorne war die Bühne. Nicht einfach leer und groß, sondern mit einem Bühnenbild.

Sie war irritiert, schaute noch mal genauer hin – und dann war sie sich sicher. Dieses Bühnenbild stellte ihr Zuhause dar. Küche und Wohnzimmer, alles war exakt so eingerichtet wie in der Realität. Die Meissner Porzellanschale von Mama, der Kalender des Ulmer Künstlers, dessen Namen sie immer vergaß, und auch die Müsli-Schalen der Kinder standen oben AUF und natürlich nicht IN der Spülmaschine.

Jetzt betrat eine Frau die Bühne. Es war sie selbst. Sie konnte sich beobachten, sich in ihrem Leben auf einer Bühne. Leise suchte sie sich einen Platz im Zuschauerraum und wartete gebannt, was passieren würde. Es passierte … nichts. Zumindest nichts Besonderes.

Wie an so vielen anderen Tagen machte sie sich einen Kaffee, holte die Lesebrille aus dem Schrank, setzte sich an den Tisch und nahm sich die Zeitung. Mittwoch, 16. Oktober 2035. Aus dem Zuschauerraum auf sich selbst blickend fiel ihr sofort auf, wie krumm ihre Körperhaltung war. “Rücken durchstrecken!” wollte sie sich selbst auf der Bühne zurufen. Doch sie blieb still.

Eine gefühlte Ewigkeit später öffnete sich die Wohnzimmertür. Ihr Mann kam herein, etwas älter, etwas graueres Haar als heute, immer noch leicht schluffend am Morgen, genau wie im echten Leben heute. “Naja” dachte sie, “er wäre wohl auch der Einzige, der sich mit zunehmendem Alter dynamischer bewegt.”

Sie erkannte die Alltagsmuster ihres Lebens. Er würde zuerst zu ihr gehen, sie von hinten umarmen und ihr einen Kuss geben. Dann würde er sich einen Kaffee machen. Und danach die Müsli-Schalen der Kinder in die Spülmaschine räumen, denn er mochte es nicht, wenn Dinge herumstanden. Als er sich zu ihr setzte, sah sie auf. Sie fragte ihn: „In vier Wochen ist dein 63. Geburtstag. Was willst du da machen?“ Aus dem Zuschauerraum auf die Szene blickend, wusste sie sofort, was er antworten würde. “Ich weiß es nicht, überlege ich mir noch.”

Sie lehnte sich in ihrem roten Samtsitz zurück und musste lächeln. Alles wie immer. Sie war so frei, ihr Leben weiterzuleben, so wie es gut war, nicht dem Ruf der Veränderung folgend, sondern der Verlockung der Stabilität. Vielleicht das Kühnste, was sie je getan hatte.

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