Brief an die Disziplin
Liebe Disziplin,
eigentlich ist mein Verhältnis zu dir nicht ambivalent, aber es fühlt sich gelegentlich so an. Weil du – und ich entschuldige mich für meine Direktheit – nicht sympathisch bist. Aber ich will (leider?) gemocht werden. Welchen Platz räume ich dir also in meinem Leben ein?
Als Person bist du irgendwas zwischen Fräulein Rottenmeier aus den Heidi-Geschichten und Professor McGonagall bei Harry Potter. An Frau Rottenmeier habe ich keine guten Erinnerungen. Bei Professor McGonagall ist das schon anders. Die war zwar streng, aber auch eine durch und durch gute Person. Zu gut?
Bist du gut? Nicht uneingeschränkt, würde ich sagen. Weil du mit einem Hang ins Extreme zu anstrengend wirst, geradezu zerstörerisch. Überzogene Disziplin kann toxisch sein. Wenn die Pferde mit dir durchgehen, wälzt du Empathie und Fürsorge platt, vor allem die Selbstfürsorge kommt unter deine Räder. Es ist dir dann einfach ALLES egal. Hauptsache, dein Ziel wird erreicht. Du rennst mit Scheuklappen, komplett fokussiert, aber gleichzeitig ist da die Ignoranz für Dinge, die unterdessen kaputtgehen.
Meine Bilder zu dir sind nicht nur ein strahlender Reigen aus erreichten Zielen und gewonnenen Pokalen. Es sind auch Blutblasen am Fuß, zusammengepresste Lippen, völlige Erschöpfung in allen Gliedmaßen. Oder die Hände in den Hüften, der Rücken gestreckt und eine Entschlossenheit in den Augen, die töten könnte. Wo grenzt du dich ab zum Fanatismus? Wie gelingt deine Selbstregulierung? Wen oder was brauchst du an deiner Seite, um fruchtbar und nicht furchtbar zu wirken?
Ja, ich weiß, du bist auch ein Motor, schaffst Bewegung, bist unerlässlich für meine Entwicklung. Das ist die Seite an dir, die ich so sehr schätze, die ich brauche – und zum Glück auch in mir trage. Wenn ich daran denke, bin ich dankbar. Ich weiß um den Wert, dich in meinem Leben zu haben und dich in meinem Wirken zu erkennen. Was für ein inneres Jubeln, wenn mir von außen Disziplin zugeschrieben wird. Dann bist du meine beste Freundin, meine Zwillingsschwester, meine ständige Begleitung.
Du bist mein inneres Uhrwerk, das sich immer und immer wieder aufziehen lässt. Ich spüre genau, wie deine Zahnräder klappern, wie sie mir kontinuierlich dieses “jetzt erledige dies, dann das und dann jenes” einflüstern. Sie sind so verlässlich, dass ich manchmal wie auf Schienen laufe und die Produktivität nur so aus mir herausschwappt.
Erstaunlicherweise lässt sich dieses Uhrwerk unendlich oft wieder aufziehen, aber ich weiß nicht genau, woher die Energie kommt. Wer zieht auf? Bist du das selbst, liebe Disziplin? Steckt diese Kraft in dir, ist sie die Basis deines Selbsterhalts? Oder bin ich das? Es könnten auch Verwandte von dir sein? Die Motivation? Das intrinsische Bedürfnis nach Wachstum? Das Pflichtgefühl oder gar das schlechte Gewissen?
Ich will diszipliniert sein, aber ich will auch frei sein. Ich will Dinge bewegen, ich will mich aber auch bewegen lassen von dem, was um mich herum passiert. Ich will Ziele im Blick haben und Umwege dennoch genießen können. Ich will dich in meinem Leben wertschätzen und pflegen, aber keinesfalls darfst du die alleinige Herrscherin sein. Deine Verbissenheit bedroht mich, sie ist deine Schattenseite. Und wenn du ein großer Teil von mir bist, wird sie womöglich auch meine Schattenseite. Davor habe ich Angst.
Disziplin mit Sonnenseiten-Vibes. Das wäre besser, stimmiger, fühlt sich wohlig an. Geht das überhaupt? Ich stelle mir vor, dass du mir Wärme spendest, wenn es mal anspruchsvoll wird, ohne mich so zu durchdringen, dass ich mich aus deiner Umklammerung nicht mehr befreien kann. Ich wünsche mir eine gute Disziplin. Eine Disziplin, die zu 90% à la Professorin McGonagall funktioniert. Bei jeder Anweisung hebt sie merklich die rechte Augenbraue. Sie ist klar und sehr direkt. Bei allen Anweisungen ist die Güte zwischen den Zeilen immer spürbar. Professorin McGonagall hat viel Macht, aber sie agiert nicht um der Macht willen, sondern ihr Handeln ist in allererster Linie clever und durchdacht.
Eine Prise von Fräulein Rottenmeier darfst du dennoch in dir tragen. Für die Strenge und die Professionalität, für die Extra-Portion Anstrengung, wenn es überhaupt keinen Spaß macht, aber das Ergebnis deutlich verbessert. Dann darfst du eine unerbittliche Gouvernante sein. Aber nur dann.
Liebe Disziplin, in dieser McGonagall-Rottenmeier-Kombination möchte ich dich gerne und immer in meinem Leben wissen. Dann kann die Ambivalenz Leine ziehen. Dann besteht keine Gefahr der Überspannung. Dann kann ich aus voller Überzeugung zu dir stehen und sagen: „Ich bin diszipliniert, und das ist gut so.“
Ich genieße meine Produktivität. Ich bin geradezu stolz darauf. Ich weiß, dass ich mich selbst wie eine Fräulein Rottenmeier antreiben kann. Doch die Momente, in denen Professorin McGonagall ein Auge zudrückt, bieten mir Freiheiten für vermeintliche “Dummheiten”. Ich will andauernd die Welt entdecken und brauche dafür Räume und Gelegenheiten, liebe Disziplin. Wirklich viele Räume und viele Gelegenheiten. Wenn ich die bekomme, werden wir es sehr gut miteinander haben. Können wir uns darauf verständigen?
S.
PS: Eigentlich mag ich es nicht, Briefe mit dem Wort “eigentlich” zu beginnen. Aber ich habe es doch getan. Da ist sie wieder, die Ambivalenz.